BIOGRAPHIE

Rudolf Buchbinder zählt zu den legendären Interpreten unserer Zeit. Seit über 50 Jahren konzertiert er mit den renommiertesten Orchestern und Dirigenten weltweit. Rund um seinen 70. Geburtstag in der Saison 2016/17 wurde die Künstlerpersönlichkeit Rudolf Buchbinder an so herausragenden Orten wie der Carnegie Hall New York, Suntory Hall Tokio, dem Musikverein Wien und der Berliner Philharmonie gewürdigt. Höhepunkte der Jubiläumssaison waren dabei Konzerte mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Christian Thielemann und Konzerttourneen mit den Wiener Philharmonikern und der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Auf Einladung von Mariss Jansons war Rudolf Buchbinder Artist in Residence beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Im Dezember 2016 verliehen die Wiener Philharmoniker Rudolf Buchbinder ihre Ehrenmitgliedschaft. Kurz darauf wurde er auch zum Ehrenmitglied des Israel Philharmonic Orchestra ernannt.

Rudolf Buchbinders Repertoire reicht von Bach bis zu zeitgenössischen Werken, welches er in über 100 Aufnahmen, viele von ihnen preisgekrönt, dokumentierte. Als maßstabsetzend gelten insbesondere seine Interpretationen der Werke Ludwig van Beethovens. Mit seinen zyklischen Aufführungen der 32 Beethoven Sonaten entwickelte er die Interpretationsgeschichte dieser Werke über Jahrzehnte weiter.

Mehr als 50 Mal führte er den Zyklus bis heute auf, darunter in Berlin, Buenos Aires, Dresden, Mailand, Peking, Shanghai, St. Petersburg, Zürich und jeweils bereits viermal in Wien und München. Als erster Pianist spielte er bei den Salzburger Festspielen 2014 sämtliche Beethoven Sonaten innerhalb eines Festspiel-Sommers. Der Salzburger Zyklus wurde live für DVD mitgeschnitten. Im Herbst 2016 erschien ein Live-Mitschnitt der beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms mit den Wiener Philharmonikern und Zubin Mehta auf DVD und CD.

Buchbinders Interpretationen basieren auf akribischer Quellenforschung. Als leidenschaftlicher Sammler historischer Partituren hat er 39 komplette Ausgaben der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens in seinem Besitz. Des Weiteren eine umfangreiche Sammlung von Erstdrucken, Originalausgaben und Kopien der eigenhändigen Klavierstimmen und Partitur der Klavierkonzerte von Johannes Brahms.

Seit 2007 ist Rudolf Buchbinder Künstlerischer Leiter des Grafenegg Festivals, das sich unter seiner Leitung innerhalb kurzer Zeit zu einem der bedeutenden Orchesterfestivals in Europa entwickelt hat.

Zwei Bücher sind von Rudolf Buchbinder bislang erschienen, seine Autobiographie „Da Capo" sowie „Mein Beethoven – Leben mit dem Meister".

PORTRÄT

„Das größte pianistische Naturtalent“ - Ein Porträt von Joachim Kaiser

Als Rudolf Buchbinder, er erzählt es heiter, im Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“ einmal Friedrich Gulda begegnete, da fand zwischen den beiden Künstlern – die sich als Pianisten hoch schätzten – ein durchaus charakteristisches Gespräch statt. Auf Guldas Frage, wohin er gehe, antwortete Buchbinder wahrheitsgemäß: „Ins Konzert zu meinem Beethoven-Zyklus.“ Darauf Gulda: „Sag einmal, ist dir der Beethoven net schon fad?“ Das aber kommentierte Buchbinder nun folgendermaßen: „Die Frage ist mir, ehrlich gesagt, völlig unverständlich, denn ich entdecke immer wieder etwas Neues in solchen Meisterwerken …“ Allzu skeptische Leser mögen das für ein bloßes Lippenbekenntnis halten, obschon Buchbinder sich in seinem Erinnerungsbuch mehrfach in dieser Weise äußert. „Man kann sich an manchen Speisen möglicherweise abessen. Aber niemals an den Meisterwerken der Klavierliteratur ‚abspielen‘, auch nicht wenn man sie Hunderte Male aufgeführt hat“, heißt es einmal. Bewegend idealisch klingt Buchbinders Bekenntnis: „Ich strebe an, am Ende meines Lebens den Höhepunkt meiner pianistischen Laufbahn zu erleben. Natürlich weiß ich nicht, wann das sein wird … Eigentlich schade! In meinem Beruf hat man nämlich in Wahrheit niemals etwas erreicht – es gibt immer noch Steigerungen.“

Wer Buchbinder lange und aus der Nähe kennt, weiß sehr wohl, alle diese Feststellungen sind pure Aufrichtigkeit! Ich habe mit meinem Freunde „Rudi“ jahrelang seine Beethoven-Zyklen moderiert, beim Schleswig-Holstein-Festival, in Dortmund/Bochum, in Nürnberg … Das heißt, ich analysierte einleitend jede Sonate, bat ihn dabei um mannigfache Zitate. Und dann endlich trug er das Werk im Zusammenhang vor. So erlebte ich wirklich hautnah, wie sich die Sonaten in Buchbinders Seele kontinuierlich weiterentwickelten, bereicherten, verwandelten. Nicht so sehr, doch auch, was das Pianistische, Manuelle angeht. Wohl aber im Hinblick auf Tiefe und Gehalt. Was ich ihm dabei zumutete, machte ich mir kaum hinreichend klar. Einmal, es ging um die „Hammerklaviersonate“ op. 106, redete ich fast 50 Minuten lang. Er aber durfte nicht ruhig vor sich hinträumend dabei sitzen, sondern musste gespannt aufpassen, weil ja immerfort Zitate von ihm erbeten wurden, um dann letztendlich nach diesem anstrengenden Diskurs die wohl schwerste Sonate der Klavierliteratur komplett darzubieten.

Die Frage, warum große Musik einen Interpreten lebenslang fesseln kann, selbst wenn ihm nichts anderes vorschwebt, als die Kompositionen „nur“ werktreu zu verlebendigen, ohne ihnen Gewalt anzutun – diese Frage kann folgendermaßen beantwortet werden: In bedeutungsvoller Klassik steckt ein Reichtum an nuancierten seelischen Gestalten, Bekundungen, Erlebnissen und Einsichten, von dem amusische Zeitgenossen kaum etwas ahnen. Solche Musik gleicht einem unendlichen Reservoir emotionaler Erfahrung! Sie lehrt uns, immer Zarteres, Verästelteres, Differenziertes wahrzunehmen. Mendelssohn hatte schon recht, als er einmal feststellte, Musik sei nicht etwa begriffslos-vage und nationale Sprache konkret klar. Sondern in Tönen gäbe es unendlich mehr Zwischenstufen gestalteter Gefühle, als Worte existieren, all diese Schattierungen zu benennen. Und damit nimmt es ein großer Pianist auf.

Um nun die Aufgaben zu bewältigen, wie sie von den Werken der traditionellen Kunst und der „klassischen Moderne“ gestellt werden, helfen Rudolf Buchbinder einige bemerkenswerte künstlerische und menschliche Besonderheiten. Zunächst: Er ist für mich das größte pianistische Naturtalent, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Er braucht sich nie Fingersätze zu notieren, tut es auch nicht, selbst bei heikelsten Schwierigkeiten! Die Finger finden es schon von selbst. Darauf kann er beneidenswerterweise fest vertrauen. So sagt er hier: „Es gibt drei Arten von Fingersätzen: den, den man studiert, den, den man den Kollegen empfiehlt, und den, den man beim Konzert erwischt.“ Das Verbum „erwischt“ verrät staunenswert, wie selbstverständlich Buchbinders Naturtalent funktioniert. Solche Begabung könnte verführen zu Leichtfertigkeit. Doch dazu sind ihm die Kompositionen zu heilig, zu lieb. So kam es zur zweiten Besonderheit: Respektvoll und pedantisch genau studiert Buchbinder Urtextausgaben, sucht und findet Fehler, nimmt nichts für gegeben. Seine vielleicht wichtigste, aber keineswegs spektakulärste dritte Eigentümlichkeit: Er ist völlig frei von jedem Manierismus. Es ist kaum möglich, irgendeine „Manier“ bei ihm auszumachen. Irgendeinen hilfreichen Tick oder auch Trick, der die Künstler-Persönlichkeit vor das Werk schiebt. Was er interpretierend tut, wenn er mit cantablem, innigem Ton Mozart-Konzerte meistert, wenn er beim dramatischen Dialog im Andante des G-Dur-Konzertes von Beethoven die ergreifend schmerzlichen Antworten des Klaviers um eine zögernde Hundertstelsekunde zu spät zu bieten scheint, worin sich so viel Beklommenheit, Angst, Schmerz verbirgt – es kommt immer ganz aus der Sache. Seine elementare, musikantisch-musikalische Freiheit von allen Manierismen macht ihn empfindlich für feine oder derbe Übertreibungen mancher seiner Kollegen. So ist es mittlerweile, seit Swjatoslaw Richter einst Schuberts große B-Dur-Sonate aberwitzig expressiv langsam vortrug, beinahe Mode geworden, Schuberts traurige Andante-Sätze als Adagios oder gar Largos zu forcieren, um ihre Depressivität zu verdeutlichen. Doch die pianistischen Adagio-Hohepriester machen sich nicht klar, wie sehr sie damit Schuberts eigentümliche Wahrheit verfehlen. Bei ihm gibt es nämlich ein mutloses Andante-Schlendern, das gerade kein gewichtiger Adagio-Trauermarsch, gerade kein pathetisches Largo sein darf – und in seiner schwebenden Verzweiflung ungeheuer schwer zu treffen ist. In einer solchen Aura depressiven Schlenderns soll das erste Lied der „Winterreise“, beginnen, der zweite Satz der Großen C-Dur-Symphonie („Andante con moto“), müssen die Mittelsätze der Großen A-Dur-Sonate (DV 959) und eben der mysteriösen B-Dur-Sonate (DV 960) anheben. Einzig der langsame Satz der c-Moll-Sonate (DV 958), wo Schubert offenbar bewusst auf Beethoven anspielt, ist tatsächlich dem Typus nach eines jener As-Dur-Adagios, wie der junge Beethoven sie gern komponierte.

Bei der Aufzählung von Buchbinders bemerkenswerten Besonderheiten habe ich die – vielleicht seltenste – vergessen: es ist seine vollkommene Un-Eitelkeit. Dazu muss er sich nicht „zwingen“, das ist keine Sympathie heischende Bescheidenheits-Pose. Sondern er kann nicht anders. Feierliche Aufgeblasenheit, wildes Bedeutungs-Gehabe liegt ihm nicht, widersteht ihm. Sachlich und freundlich gibt er Antwort. Gewiss ließe er auch gerne darüber streiten, ob es wirklich zutreffend ist, zeitgenössische U-Musik, Pop-Musik und traditionelle E-Musik als gleichartige Form der Unterhaltung nebeneinander zu stellen. Natürlich kann es entzückende U-Musik und todlangweilige Symphonien geben. Doch die jeweiligen Qualitäten oder Schwächen haben nichts miteinander zu tun. Große traditionelle Musik nimmt doch die unvergleichliche Geschichte der E-Musik-Sprache, die sich in Jahrhunderten differenziert hat, in sich auf. Bachs h-Moll-Messe bewahrt in sich eine riesige Geschichte der Kirchen-Musik, Beethovens Sonate op. 110 reicht mit Rezitativ und „Johannes-Passion“-Arioso weit zurück, Wagners „Meistersinger“ und sein „Parsifal“ tun es auch. Noch so gelungene Manifestationen effektvoller Film-Musik oder Schlager-Produktion haben völlig andere Qualitäten. Oder nicht? Diskutieren würde ich auch gern über Buchbinders Meinung, wer Bach auf dem Steinway spielt, soll keineswegs versuchen, auf einem modernen Klavier historisch spielen zu wollen.

Letzte Frage: Was steckt eigentlich hinter Buchbinders Scheu, eigene Aufnahmen, nachdem sie sich von ihm abgelöst haben, überhaupt nicht mehr hören zu können, zu wollen? Handelt es sich dabei um nahezu übermenschliche Un-Eitelkeit? Oder fürchtet er gar, sich seiner frei strömenden Kunst zu berauben, wenn er ihr im akustischen Spiegel begegnet?

Joachim Kaiser (2004)

PHOTOS