BIOGRAPHIE
Rudolf Buchbinder zählt zu den legendären Pianisten unserer Zeit. Die Autorität einer mehr als sechs Dekaden umspannenden Karriere verbindet sich in seinem Klavierspiel auf einzigartige Weise mit Esprit und Spontaneität. Tradition und Innovation, Werktreue und Freiheit, Authentizität und Weltoffenheit verschmelzen in seiner Lesart der großen Klavierliteratur.
Als maßstabsetzend gilt er insbesondere als Interpret der Werke Ludwig van Beethovens. Über 65 Mal führte er die 32 Klaviersonaten auf der ganzen Welt bisher zyklisch auf und entwickelte die Interpretationsgeschichte dieser Werke über Jahrzehnte weiter. Bei den Salzburger Festspielen spielte Buchbinder 2014 als erster Pianist sämtliche Klaviersonaten Beethovens innerhalb eines Festivalsommers. Zum 150-jährigen Jubiläums des Wiener Musikvereins in der Saison 2019/20 wurde Rudolf Buchbinder die Ehre zuteil, erstmals in der Geschichte des weltberühmten Hauses alle Klavierkonzerte Beethovens in einer eigens für ihn aufgelegten Konzertreihe aufzuführen. Seine Partner waren das Gewandhausorchester Leipzig und Andris Nelsons, die Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti sowie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Münchner Philharmonikern und die Sächsische Staatskapelle Dresden unter ihren damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons, Valery Gergiev und Christian Thielemann. Alle Konzerte wurden live mitgeschnitten und als Hommage an Buchbinder als einen der profundesten Beethoven-Interpreten unserer Zeit bei Deutsche Grammophon veröffentlicht.
Buchbinders neuestes Album Schubert Treasures erschien Ende Mai 2026 bei Deutsche Grammophon und stürmte unmittelbar danach auf Platz 1 der 100 meistgehörten klassischen Alben. Seine exklusive Partnerschaft mit Deutsche Grammophon beinhaltet außerdem das preisgekrönte Doppelalbum The Diabelli Project, für das Buchbinder u.a. den OPUS Lifetime Achievement Award erhielt, eine Live-Aufnahme des 1. Klavierkonzerts von Beethoven mit Christian Thielemann und den Berliner Philharmonikern sowie die Solo-Alben Soirée de Vienne und Brahms-Reger Lieder mit Bearbeitungen von Brahms-Liedern für Klavier von Max Reger.
Die Eröffnung des Rudolf-Buchbinder-Saals im Mai 2026 war ein Ereignis von internationaler Ausstrahlung. Dem Pianisten von Weltrang wurde mit dem umfassenden Umbau der historischen Reithalle im Ensemble von Schloss Grafenegg zu einem hochmodernen, nach ihm benannten Kammermusiksaal ein bleibendes Denkmal gesetzt. Der Rudolf-Buchbinder-Saal ist die Krönung der 20 Jahre währenden Verdienste des Widmungsträgers als Künstlerischer Leiter des Grafenegg Festivals, das er seit der Gründung 2007 prägte und zu einem der führenden Orchesterfestivals in Europa entwickelte.
Rudolf Buchbinder ist Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker, der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, der Wiener Konzerthausgesellschaft, der Wiener Symphoniker und des Israel Philharmonic Orchestra. Er ist der erste Solist, dem die Sächsische Staatskapelle Dresden die Goldene Ehrennadel verlieh.
Größten Wert legt Buchbinder auf Quellenforschung. Seine private Notensammlung umfasst 39 komplette Ausgaben der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sowie ein umfangreiches Archiv von Erstdrucken, Originalausgaben und Kopien der eigenhändigen Klavierstimmen beider Klavierkonzerte von Johannes Brahms.
In der Saison 2024/25 präsentierten Rudolf Buchbinder und der Wiener Musikverein einen exklusiven Fokus auf Schubert. Mit Jonas Kaufmann, Renaud und Gautier Capuçon sowie Mitgliedern der Wiener Philharmoniker spannte Buchbinder einen Bogen über Schuberts kammermusikalisches Schaffen bis hin zu seiner letzten Klaviersonate.
Rudolf Buchbinder hat eine Autobiographie mit dem Titel „Da Capo" veröffentlicht sowie das Buch „Mein Beethoven – Leben mit dem Meister". Sein neuestes Buch „Der letzte Walzer“ erschien zur Uraufführung der Neuen Diabelli Variationen im März 2020 und erzählt 33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen.
PORTRÄT
„Das größte pianistische Naturtalent“ - Ein Porträt von Joachim Kaiser
Als Rudolf Buchbinder, er erzählt es heiter, im Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“ einmal Friedrich Gulda begegnete, da fand zwischen den beiden Künstlern – die sich als Pianisten hoch schätzten – ein durchaus charakteristisches Gespräch statt. Auf Guldas Frage, wohin er gehe, antwortete Buchbinder wahrheitsgemäß: „Ins Konzert zu meinem Beethoven-Zyklus.“ Darauf Gulda: „Sag einmal, ist dir der Beethoven net schon fad?“ Das aber kommentierte Buchbinder nun folgendermaßen: „Die Frage ist mir, ehrlich gesagt, völlig unverständlich, denn ich entdecke immer wieder etwas Neues in solchen Meisterwerken …“ Allzu skeptische Leser mögen das für ein bloßes Lippenbekenntnis halten, obschon Buchbinder sich in seinem Erinnerungsbuch mehrfach in dieser Weise äußert. „Man kann sich an manchen Speisen möglicherweise abessen. Aber niemals an den Meisterwerken der Klavierliteratur ‚abspielen‘, auch nicht wenn man sie Hunderte Male aufgeführt hat“, heißt es einmal. Bewegend idealisch klingt Buchbinders Bekenntnis: „Ich strebe an, am Ende meines Lebens den Höhepunkt meiner pianistischen Laufbahn zu erleben. Natürlich weiß ich nicht, wann das sein wird … Eigentlich schade! In meinem Beruf hat man nämlich in Wahrheit niemals etwas erreicht – es gibt immer noch Steigerungen.“
Wer Buchbinder lange und aus der Nähe kennt, weiß sehr wohl, alle diese Feststellungen sind pure Aufrichtigkeit! Ich habe mit meinem Freunde „Rudi“ jahrelang seine Beethoven-Zyklen moderiert, beim Schleswig-Holstein-Festival, in Dortmund/Bochum, in Nürnberg … Das heißt, ich analysierte einleitend jede Sonate, bat ihn dabei um mannigfache Zitate. Und dann endlich trug er das Werk im Zusammenhang vor. So erlebte ich wirklich hautnah, wie sich die Sonaten in Buchbinders Seele kontinuierlich weiterentwickelten, bereicherten, verwandelten. Nicht so sehr, doch auch, was das Pianistische, Manuelle angeht. Wohl aber im Hinblick auf Tiefe und Gehalt. Was ich ihm dabei zumutete, machte ich mir kaum hinreichend klar. Einmal, es ging um die „Hammerklaviersonate“ op. 106, redete ich fast 50 Minuten lang. Er aber durfte nicht ruhig vor sich hinträumend dabei sitzen, sondern musste gespannt aufpassen, weil ja immerfort Zitate von ihm erbeten wurden, um dann letztendlich nach diesem anstrengenden Diskurs die wohl schwerste Sonate der Klavierliteratur komplett darzubieten.
Die Frage, warum große Musik einen Interpreten lebenslang fesseln kann, selbst wenn ihm nichts anderes vorschwebt, als die Kompositionen „nur“ werktreu zu verlebendigen, ohne ihnen Gewalt anzutun – diese Frage kann folgendermaßen beantwortet werden: In bedeutungsvoller Klassik steckt ein Reichtum an nuancierten seelischen Gestalten, Bekundungen, Erlebnissen und Einsichten, von dem amusische Zeitgenossen kaum etwas ahnen. Solche Musik gleicht einem unendlichen Reservoir emotionaler Erfahrung! Sie lehrt uns, immer Zarteres, Verästelteres, Differenziertes wahrzunehmen. Mendelssohn hatte schon recht, als er einmal feststellte, Musik sei nicht etwa begriffslos-vage und nationale Sprache konkret klar. Sondern in Tönen gäbe es unendlich mehr Zwischenstufen gestalteter Gefühle, als Worte existieren, all diese Schattierungen zu benennen. Und damit nimmt es ein großer Pianist auf.
Um nun die Aufgaben zu bewältigen, wie sie von den Werken der traditionellen Kunst und der „klassischen Moderne“ gestellt werden, helfen Rudolf Buchbinder einige bemerkenswerte künstlerische und menschliche Besonderheiten. Zunächst: Er ist für mich das größte pianistische Naturtalent, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Er braucht sich nie Fingersätze zu notieren, tut es auch nicht, selbst bei heikelsten Schwierigkeiten! Die Finger finden es schon von selbst. Darauf kann er beneidenswerterweise fest vertrauen. So sagt er hier: „Es gibt drei Arten von Fingersätzen: den, den man studiert, den, den man den Kollegen empfiehlt, und den, den man beim Konzert erwischt.“ Das Verbum „erwischt“ verrät staunenswert, wie selbstverständlich Buchbinders Naturtalent funktioniert. Solche Begabung könnte verführen zu Leichtfertigkeit. Doch dazu sind ihm die Kompositionen zu heilig, zu lieb. So kam es zur zweiten Besonderheit: Respektvoll und pedantisch genau studiert Buchbinder Urtextausgaben, sucht und findet Fehler, nimmt nichts für gegeben. Seine vielleicht wichtigste, aber keineswegs spektakulärste dritte Eigentümlichkeit: Er ist völlig frei von jedem Manierismus. Es ist kaum möglich, irgendeine „Manier“ bei ihm auszumachen. Irgendeinen hilfreichen Tick oder auch Trick, der die Künstler-Persönlichkeit vor das Werk schiebt. Was er interpretierend tut, wenn er mit cantablem, innigem Ton Mozart-Konzerte meistert, wenn er beim dramatischen Dialog im Andante des G-Dur-Konzertes von Beethoven die ergreifend schmerzlichen Antworten des Klaviers um eine zögernde Hundertstelsekunde zu spät zu bieten scheint, worin sich so viel Beklommenheit, Angst, Schmerz verbirgt – es kommt immer ganz aus der Sache. Seine elementare, musikantisch-musikalische Freiheit von allen Manierismen macht ihn empfindlich für feine oder derbe Übertreibungen mancher seiner Kollegen. So ist es mittlerweile, seit Swjatoslaw Richter einst Schuberts große B-Dur-Sonate aberwitzig expressiv langsam vortrug, beinahe Mode geworden, Schuberts traurige Andante-Sätze als Adagios oder gar Largos zu forcieren, um ihre Depressivität zu verdeutlichen. Doch die pianistischen Adagio-Hohepriester machen sich nicht klar, wie sehr sie damit Schuberts eigentümliche Wahrheit verfehlen. Bei ihm gibt es nämlich ein mutloses Andante-Schlendern, das gerade kein gewichtiger Adagio-Trauermarsch, gerade kein pathetisches Largo sein darf – und in seiner schwebenden Verzweiflung ungeheuer schwer zu treffen ist. In einer solchen Aura depressiven Schlenderns soll das erste Lied der „Winterreise“, beginnen, der zweite Satz der Großen C-Dur-Symphonie („Andante con moto“), müssen die Mittelsätze der Großen A-Dur-Sonate (DV 959) und eben der mysteriösen B-Dur-Sonate (DV 960) anheben. Einzig der langsame Satz der c-Moll-Sonate (DV 958), wo Schubert offenbar bewusst auf Beethoven anspielt, ist tatsächlich dem Typus nach eines jener As-Dur-Adagios, wie der junge Beethoven sie gern komponierte.
Bei der Aufzählung von Buchbinders bemerkenswerten Besonderheiten habe ich die – vielleicht seltenste – vergessen: es ist seine vollkommene Un-Eitelkeit. Dazu muss er sich nicht „zwingen“, das ist keine Sympathie heischende Bescheidenheits-Pose. Sondern er kann nicht anders. Feierliche Aufgeblasenheit, wildes Bedeutungs-Gehabe liegt ihm nicht, widersteht ihm. Sachlich und freundlich gibt er Antwort. Gewiss ließe er auch gerne darüber streiten, ob es wirklich zutreffend ist, zeitgenössische U-Musik, Pop-Musik und traditionelle E-Musik als gleichartige Form der Unterhaltung nebeneinander zu stellen. Natürlich kann es entzückende U-Musik und todlangweilige Symphonien geben. Doch die jeweiligen Qualitäten oder Schwächen haben nichts miteinander zu tun. Große traditionelle Musik nimmt doch die unvergleichliche Geschichte der E-Musik-Sprache, die sich in Jahrhunderten differenziert hat, in sich auf. Bachs h-Moll-Messe bewahrt in sich eine riesige Geschichte der Kirchen-Musik, Beethovens Sonate op. 110 reicht mit Rezitativ und „Johannes-Passion“-Arioso weit zurück, Wagners „Meistersinger“ und sein „Parsifal“ tun es auch. Noch so gelungene Manifestationen effektvoller Film-Musik oder Schlager-Produktion haben völlig andere Qualitäten. Oder nicht? Diskutieren würde ich auch gern über Buchbinders Meinung, wer Bach auf dem Steinway spielt, soll keineswegs versuchen, auf einem modernen Klavier historisch spielen zu wollen.
Letzte Frage: Was steckt eigentlich hinter Buchbinders Scheu, eigene Aufnahmen, nachdem sie sich von ihm abgelöst haben, überhaupt nicht mehr hören zu können, zu wollen? Handelt es sich dabei um nahezu übermenschliche Un-Eitelkeit? Oder fürchtet er gar, sich seiner frei strömenden Kunst zu berauben, wenn er ihr im akustischen Spiegel begegnet?
Joachim Kaiser (2004)